zur Startseite
  • Fischerboot am Strand


Die Umsetzung des Hospiz- und Palliativgedankens in Einrichtungen der stationären Altenhilfe - ein Projekt

(aus dem Jahr 2001 ... und heute noch aktuell)

A. Einleitung

Diese Arbeit entstand innerhalb einer Gruppe des Hospiz-Vereins Lengerich. Wir haben überwiegend beruflich mit Menschen in Altenpflegeeinrichtungen zu tun. Aus diesem, und auch aus persönlichen Gründen, ist  es uns ein besonderes Anliegen, selbstbestimmtes Leben und würdevolles Sterben im Sinne des Hospizgedankens insbesondere auch in diesen Einrichtungen zu ermöglichen.

Der Hospiz-Verein Region Lengerich e. V. wurde 1996 gegründet und hat inzwischen 250 Mitglieder, von denen 127 aktiv im Sinne der Sterbebegleitung sind. Diese SterbebegleiterInnen sind durch spezielle Kurse geschult.

Eine Palliativstation gibt es in unserer Region nicht, ein stationäres Hospiz für acht Bewohner ist in Emsdetten vorhanden (Haus Hanna). In Lengerich und unmittelbarer Umgebung (Tecklenburg, Lienen, Ladbergen) gab es im Jahr 2000 jedoch ein Krankenhaus der Grundversorgungsstufe, sechs Altenpflegeheime mit insgesamt 392 BewohnerInnen, sowie eine Psychiatrische Klinik mit einer Geronto-psychiatrischen Abteilung. Außerdem existieren acht ambulante Krankenpflegedienste und eine Tagespflegeeinrichtung für alte Menschen mit 24 Plätzen.

B. Definitionen

1. Inhalte unserer Hospizarbeit sind

  • ein bewußter Umgang mit Leben, Sterben und Tod. Wir begreifen Sterben und Tod als Teil des Lebens.
  • Erhalt der Autonomie und Würde im Leben, im Sterben, im Tod und danach.
  • die Unterstützung der Sterbenden, ihrer Angehörigen und Freunde auch über den Tod hinaus.

2. Palliative-Care

Der Begriff hat sich im englischen Sprachraum entwickelt für ein Neben- und Miteinander von Palliativmedizin und Palliativpflege. Entscheidend ist die palliative Absicht (pallium = der Mantel) bezüglich des Umganges mit den zu Betreuenden vor dem Hintergrund der Hospizidee. Bei der Begleitung von Menschen mit begrenzter Lebenserwartung ist das Ziel vorrangig, vorhandene Fähigkeiten und Möglichkeiten zu erkennen, zu fördern und dadurch die Lebensqualität mit einem ganzheitlichen Ansatz zu erhalten bzw. zu optimieren. Palliative-Care wurde ursprünglich für unheilbar Krebskranke entwickelt und bietet meist genügend Möglichkeiten, Beschwerden, quälende Symptome und seelische Nöte zu beseitigen oder zu lindern (Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Angst). Es sollen aber nicht nur die physischen, sondern alle Aspekte menschlicher Existenz berücksichtigt werden, nämlich auch psychische, soziale, spirituelle und ethische. Die Fürsorge integriert auch die Angehörigen bzw. das soziale Umfeld der Patienten.


C. Warum Palliative Care für Alte ?

 Für viele alte Menschen ist der Einzug in ein Seniorenheim meist der endgültig letzte Umzug. Sie selbst empfinden ihn eher als das „Ende“ und nicht als den Beginn einer neuen Lebensphase.

  1. Meistens ist der alte Mensch mangels fehlender Alternativen unfreiwillig in der Institution. Seine individuellen Bedürfnisse - gerade auch die alltäglichsten Dinge des Lebens betreffend - sind dort fremdbestimmt und eingeschränkt. Auch sein Sterben ist durch die Umgebung der Institution beeinflusst. Wir wollen die Sicherheit vermitteln, dass der alte Mensch so sterben kann, wie er es sich wünscht, weil wir uns auf seine Bedürfnisse einlassen können.
  2. Wir beschäftigen uns mit Bewohnern in Seniorenpflegeeinrichtungen, weil gerade Hochbetagte oft an schweren chronischen Erkrankungen leiden, die wir nicht mehr wesentlich  bessern können. Wir können aber unter Berücksichtigung der physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse der Betroffenen vieles tun um die verbleibende Zeit lebenswert zu gestalten.
  3. Wir wissen, dass das Lebensende nah ist. Wir wissen aber oft nicht, ob der alte Mensch dies auch weiß oder spürt (und nicht darüber spricht) und ob eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Endlichkeit stattgefunden hat.
  4. Zudem fällt es vielen Betreuenden, ÄrztInnen und Angehörigen schwer, die Realität des Sterbens und Todes zu akzeptieren und die ärztlichen sowie pflegerischen Maßnahmen darauf auszurichten – zum Teil mangels eigener Auseinandersetzung mit dem Thema, zum Teil mangels Ausbildung.

 

 

D. Das Sterben als Teil des Lebens

Warum ist das Sterben so schwer geworden?

Das Sterben als natürlicher Vorgang am Ende des Lebens ist aus unserem Bewusstsein verschwunden, weil wir es verstanden haben, Krankheit, Tod und Sterben in Institutionen zu verbannen. Sterben und Tod wird im Zeitalter der Hochleistungsmedizin häufig als Fehlleistung und Versagen angesehen. Sterben heißt jedoch Abschied nehmen und weitergehen.

Durch Palliative-Care werden Möglichkeiten und Bedingungen geschaffen, so dass sich Sterbende und ihre BegleiterInnen auf das Abschiednehmen einlassen können: Es sind Menschen für sie da in Ruhe und Gelassenheit.


E. Was wollen wir tun, um diese Visionen umzusetzen?

Das Leben vor dem Sterben gestalten („wir sterben so, wie wir gelebt haben“). Das betrifft sowohl BewohnerInnen als auch Angehörige und MitarbeiterInnen.

  1. Die Beachtung der „drei Prinzipien“ nach Cicely Saunders (aus: Brücke in eine andere Welt)

- Offenheit. „Offenheit gegenüber der Welt und der Welt uns gegenüber. Offenheit gegenüber den Patienten und ihren Angehörigen. Offenheit untereinander und Offenheit für das Jenseitige. Offenheit für neue Herausforderungen“.

- Ganzheit und Einheit von Herz und Verstand. „Hospiz umfasst alles, was mit dem Verstand zusammenhängt – den ganzen wissenschaftlichen Anspruch, das Experiment, das Forschen und Studieren und auch wissenschaftliche Erkenntnisse über Familiendynamik und menschliches Denken und Fühlen. All das muss aber immer mit einer Freundschaft des Herzens verbunden sein - mit einer individuellen und persönlichen Fürsorge und Beziehung“.

- Geistige Freiheit. „... dass all unsere Fürsorge dem Anderen absolute Freiheit lassen muss, damit er seinen eigenen Weg zum Sinn finden kann. ...in seiner eigenen Würde und in seiner geistigen Freiheit.“

Wir wollen Kompetenz und Hilfestellung vermitteln durch

    • Aus- und Fortbildung,
    • Begleitung der BegleiterInnen,
    • Unterstützung pflegender Angehöriger.
  1. Wir müssen deutlich machen, dass sich eine Sterbekultur nur entwickeln kann, wenn sich bestehende Strukturen in Senioreneinrichtungen umfassend ändern.
  2. Rituale sollten wiederentdeckt und als Standards eingeführt werden, weil sie für den Trauerprozess so wichtig sind.

  


Westfälische Nachrichten vom 07.11.2016
Seite 21, Artikel 1, Westerkappeln

verwaiste Eltern

(zum vergrößern, auf die entspr. Seite klicken)